Leitartikel 2022

Liebe Leser,

das wäre geschafft! Was für ein schmeichelnder Satz, ein gutes Gefühl in einem besonderen Augenblick unseres Lebens. Genugtuung und Zufriedenheit pur, wenn wir etwas geschafft haben und zurecht stolz darauf sein können; je mehr zu schaffen war, umso größer dieses „Bergfest“ mit uns ganz „obenauf“! Wann durften Sie im Leben oder in letzter Zeit das so empfinden und ganz beglückt davon sein? Vielleicht nach einer Renovierung größeren Ausmaßes, möglicherweise nach einer langen Prüfungszeit oder einer heikel gesundheitlichen Behandlung, die sie viel Kraft und Mut kostete? Vielleicht aber auch eine ganze Spur alltäglicher: nach einem Hausputz oder Auf-(oder Aus-)räumaktion oder einem längeren Spazier- und Wanderweg, der am Ende sich doch als kraftraubend erwies? Ach, es gibt so viele Situationen in denen wir Gott sei Dank diese kleineren oder umfangreicheren Triumphe feiern können, etwas bewältigt und vollendet zu haben, denen wir dann mit diesem Wort „geschafft“ Ausdruck verleihen. Und es ist ein ziemlich präzises Wort dafür, was wir mit/ in unserem Leben ja die ganze (Lebens)Zeit tun, denn die Jahre auf Erden sind nun mal unsere Schaffenszeit, um so manches auf die Beine zu stellen. Und manche sind richtig schaffig und bringen enorme Lebenswerke zustande. Vielleicht das größte Selbstbewußtsein haben diejenigen unter uns, die von so einem Vorsatz ausgehen: ich schaffe alles, wenn ich nur will. Auf der anderen Seite der Skala stehen dagegen die, die sich allzu oft sagen (müssen): ich habe heute wieder „nichts“ geschafft. Sprich, wir definieren uns sehr oft über unsere Schaffenskraft, was es dann natürlich umso wichtiger erscheinen lässt, möglichst häufig freudestrahlend diese Ansage in eigener Sache machen zu können: geschafft!

Leider Gottes ist dies aber noch nicht die ganze Wahrheit, denn das Eingangswort kann auch das ganze Gegenteil beinhalten, wenn uns das Leben mit unserem Tun völlig geschafft hat. Genauso wie man etwas fertigbekommen kann, kann man ja auch völlig fertig und geschafft sein. Und welche Erinnerungen an schwere Tage und Zeiten werden wohl dabei in uns aufgeweckt, wo wir nicht mehr konnten und kaputt waren!? Und mitunter kommen ja sogar auch beide Seiten zusammen, wenn wir etwas mit letzter Kraft siegreich zuwege brachten – wie eine Läuferin, die nach einem Marathon mehr über die Ziellinie stolpert als sie zu überlaufen. So wird dieses besondere Wort „geschafft“ gewissermaßen zum Brennpunkt des Lebens zwischen Siegen und Niederlagen, Erfolg und Untergang, Aufstieg und Abstieg, weil es unsere Beschaffenheit als Menschen verdeutlicht: wir können zwar sehr viel im Leben schaffen, aber am Ende schafft uns das Leben! Sagt man nicht sehr oft von Verstorbenen (besonders nach einem längeren Weg), sie hätten es geschafft? Aber in der gleichen Formulierung spricht man kurioserweise von denen, die ausgesorgt haben. Gerade diese Doppeldeutigkeit zeigt es sehr realistisch und anschaulich, wie es mit uns Menschen aussieht, die wir irgendwie uns immer in der Mitte befinden zwischen Vermögen und Unvermögen. Beide Möglichkeiten stehen letztlich über unserem ganzen Werdegang inmitten unseres Könnens und dem Nicht-mehr-können, wenn wir mit unseren Kräften am Ende sind. Es kann auf der einen Seite im Fall des Gelingens unser Selbstbewußtsein wecken, aber hält uns auch demütig halten, weil niemand immer für alles Kraft hat, sondern begrenzt ist. Hier die Schaffensfreude und dort die Schaffenskrise als das berühmte Pendel des Lebens zwischen Wohl und Wehe, (aus unserer Sicht). Ist es nicht faszinierend wie ein und dasselbe Wort so viel Gegensätzliches zum Ausdruck bringen und vermitteln kann.

Mit unserer Erschaffung zu menschlichen Wesen hat uns der Schöpfer großen Anteil an seiner schöpferischen Energie, sprich: Gestaltungskräfte geschenkt, aber er hat uns auch begrenzt, damit wir nicht Gott spielen und dieser Welt unseren Stempel total aufdrücken. Unsere Möglichkeiten und Fähigkeiten bleiben gedeckelt, damit wir nie die Bodenhaftung einbüßen. Damit wir uns stets im Leben an den Einen halten, der allein für alles Kraft ohne Ende hat. Wenn wir unser Leben bei Gott so einordnen und ihm gut zuordnen könnten, wären wir „rechtschaffen“ in all unserem Tun und könnten gelassen wie Hiob 1, 21 zwischen Kommen und Gehen stehen: Der Herr hat´s gegeben und der Herr hat´s genommen. Der Namen des Herrn sei gelobt! Wer sein Leben von Gott herleitet und auf ihn auch wieder bis zum Ende aller Tage zurückführt, der kann stets diese gesunde Mitte und so auch seinen Frieden finden, wie immer das Leben uns „mitspielt“! Ein Hin und Her wird es für uns alle immer bleiben. All unser Tun kann in der geschöpflichen Gelassenheit derer geschehen, die sich nicht selbst erschaffen müssen. Es heißt: „lch glaube, dass mich Gott geschaffen hat…“, und nicht: „lch muss es schaffen, dass Gott an mich glaubt!“ Hans-Joachim Eckstein Wir sollen immer die bleiben, die auf Gott angewiesen sind und sich mit der Welt zusammen niemals von ihm losreißen, darum bekommen wir alle auf unsere Weise unser Limit gesetzt und unsere Grenzen aufgezeigt.

Wie immer findet man bei Gottes größter Veranschaulichung zum Leben in seinem Sinne, also bei Jesus selbst dazu den besten Hinweis, wie wir uns den rechten Umgang mit unserem „Kommen und Gehen“ verschaffen können. Denn unser Themensatz wurde von Jesus im letzten Augenblick seines irdischen Aufenthalts in Fleisch und Blut nahezu exakt so von ihm in Johannes 19,30 gebraucht: Es ist vollbracht! (Es ist geschafft könnte dort auch stehen) Welch ein Wort an der Stelle, wo der Normalverstand für diese Welt denken müsste: es ist zu Ende/ vorbei/ aus! Jesus wählt ein doppeldeutiges Wort als wollte er damit betonen: auch, wenn es nach außen bei mir und anderen immer wieder so aussieht wie das Ende, läuft das Leben jetzt bei mir und denen, die ganz bei mir sind, auf die Vollendung hinaus. Es wirkt, als sei ich nun völlig fertig, aber in Wahrheit habe ich es für all meine Schwestern und Brüder in der Welt fertig gebracht, Euch in die Gemeinschaft mit Gott Vater (Sohn und Heiligem Geist) wieder ganz einzugliedern. Seine Worte am Ende seiner Passion in der tiefsten Tiefe gesprochen, werden zu den Worten, die alles bei Gott für uns besiegeln, was uns rettet und erlöst, erfreut und tröstet, Gnade schenkt und Frieden mit Gott wahr werden lässt. Es ist vollbracht – mit diesen letzten Worten der Passion, spricht Jesus bereits die ersten Worte der neuen österlichen Wirklichkeit, in die wir alle hineingetaucht (-getauft) sind. Euch Menschen dieser zwiespältig-widersprüchlichen Welt (siehe: geschafft) ist nun alles zugänglich geworden, was meine eigene Wahrheit ist: Ich gehe zurück zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott! Was wie sein Untergang am Kreuz und zu Tode gemartert wirkte, wurde für ihn und, wenn wir so wollen, auch für uns zur Auferstehung und Rückkehr ins völlige Leben mit Gott. Er hat das ganze Minus ins „übergroße“ Plus gewendet und darum entspricht das Kreuz als dem Zeichen für ihn seinem Leben am besten. Wohl dem, der ihm das ganz persönlich für sich abnehmen kann, gerade, wenn wir das nächste mal wieder erfahren müssen, ganz geschafft zu sein.

Um diese Annäherung an solch eine Haltgebung zu bestärken, freue ich mich, mit Euch und Ihnen in den kommenden Wochen der Passions-, wie der Osterzeit über alle Segnungen des Evangeliums der Liebe Gottes zu uns, die wir in unseren Andachten und Gottesdiensten in St. Andreas miteinander teilen werden. Und damit in Vorfreude darauf ein weiteres gesegnetes und herzliches Gott befohlen

Ihr/Euer Pfarrer Dirk Westphal

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